Struktur statt Stress – was passiert, wenn unser Nervensystem übernimmt?
- Alison Marburger

- 29. Juni 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Sept. 2025
Ein Impuls zwischen Business, Neurodivergenz und echter Handlungskraft

Ein Blick auf Stress und Neurodivergenz in der heutigen Arbeitswelt
Können Strukturen vor Stress schützen? Was passiert, wenn nicht unser Verstand, sondern unser Nervensystem den Alltag steuert? Wie erkennen wir, ob jemand überfordert ist – oder scheinbar "nur schwierig" wirkt? Diese Fragen stellten sich mir nach dem Vortrag von Nadine-Deniese Post auf dem Velener Digital Summit 2025. Sie sprach eindrucksvoll über die Notwendigkeit von Klarheit und Ordnung angesichts digitaler Reizüberflutung. Besonders beeindruckend war ihr neurophysiologischer Blick auf Stress. Statt auf „Zeitdruck“ oder „Multitasking“ zu fokussieren, verdeutlichte sie den Kampf- oder Fluchtmodus unseres Nervensystems als Hauptursache von Überforderung.
Das, was Nadine-Deniese Post für den Unternehmensalltag beschreibt, erlebe ich täglich in meiner Arbeit – auch in anderen Kontexten.
Ich habe es bei neurodivergenten Erwachsenen gesehen, die im Coaching berichten, dass sie sich in offenen Großraumbüros nicht konzentrieren können oder sich in Teams ständig überreizt fühlen. Ich habe es bei Kindern beobachtet, die in scheinbar normalen Unterrichtssituationen überfordert zusammenbrechen, weil ihr Nervensystem konstant im Alarmzustand ist. Zudem erlebe ich, in Organisationen, in denen Führungskräfte oder Mitarbeitende im Stressmodus feststecken. Das geschieht oft nicht, weil sie „schwach“ sind, sondern weil ihnen Struktur, Klarheit und emotionale Sicherheit fehlen.
Ob in Business-Outfits oder in bunten Turnschuhen – das Nervensystem kennt keinen Unterschied. Es reagiert, wenn es überfordert ist.
Fight, Flight, Freeze – wenn das Nervensystem übernimmt
In Meetings, Klassenzimmern oder am Frühstückstisch: Wenn unser Nervensystem eine Situation als bedrohlich einstuft – sei es durch Reizüberflutung, emotionale Unsicherheit oder Leistungsdruck – reagiert es mit uralten Mustern:
Kampf – Reizbarkeit, Widerstand, konfliktbeherrschendes Verhalten
Flucht – Rückzug, Vermeidung, Abtauchen
Erstarren – Entscheidungslähmung, Überwältigung, Stillstand
In diesen Momenten wird der präfrontale Cortex, der für Planen, Problemlösen und Impulskontrolle zuständige Teil unseres Gehirns, schlicht abgeschaltet. Wir können nicht mehr steuern. Wir sind im Überlebensmodus.
Diese Reaktionsmuster sehen wir in verschiedenen Kontexten:
Im Büro: in festgefahrenen Projekten, in Teams, die ausbrennen, und in Führungskräften, die innerlich abgeschaltet sind.
Im Coachingraum: bei Erwachsenen, die sich als "zu empfindlich" oder "nicht belastbar" beschreiben, obwohl sie einfach falsch eingebunden sind.
Zu Hause und in Schulen: bei Kindern, die scheinbar grundlos explodieren, blockieren oder in Tränen ausbrechen und dabei missverstanden oder stigmatisiert werden.

Ein Ausschnitt aus meinem Buch: Wenn Alltag eskaliert
In meinem aktuellen Buchprojekt beschreibe ich eine Szene aus dem Kunstunterricht einer 2. Klasse. Eine einfache Aufgabe, eine alltägliche Situation – nichts Spektakuläres, würde man meinen. Doch für ein hochreaktives Kind wird das Routine zum echten Stress. Was für die meisten Kinder kein Problem ist – wie Anweisungen zu folgen, Materialien zu nutzen oder kreativ zu sein – kann bei einem bestimmten Kind zu völliger Eskalation führen: Tränen, Wut, Rückzug und Kontrollverlust.
Für Außenstehende wirkt das Verhalten oft unverhältnismäßig. Für das Kind ist es Überleben.
Es geht nicht um Trotz oder um Aufmerksamkeit. Sondern um ein Nervensystem, das aus Überforderung in den Fight-, Flight- oder Freeze-Modus kippt. Die Situation ist nicht zu schwierig – sie ist zu viel.
➡️ Wie oft erleben wir solche Momente, ohne sie als Stressreaktion zu erkennen?
➡️ Wie oft glauben wir, Menschen müssten sich „zusammenreißen“ – obwohl sie gerade keinen Zugang zu ihrer Selbststeuerung haben?
Diese Szene steht stellvertretend für viele Situationen – in Klassenzimmern, Meetings und im Alltag neurodivergenter Menschen. Was wir für „Kleinigkeiten“ halten, kann in anderen Kontexten ein Systemversagen auslösen.
Was Menschen im Stress wirklich brauchen
1. Strukturen geben Sicherheit – wenn sie zu uns passen
Es ist wichtig zu verstehen: Struktur ist nicht gleich Struktur. Es geht nicht darum, starre Regeln durchzusetzen, sondern um passende Rahmenbedingungen. Diese müssen individuell abgestimmt sein und den Menschen Orientierung und Sicherheit bieten. Was für den einen hilfreich ist, kann für den anderen ein Stressauslöser sein. Deshalb ist das Setting entscheidend: Raumgestaltung, Reizdichte, Abläufe und Kommunikationswege – sie müssen zu den Menschen passen, nicht umgekehrt.
2. Stress ist sichtbar – wenn wir lernen, ihn zu erkennen und zu besprechen
Reizbarkeit, Rückzug oder Passivität sind oft keine Schwächen. Sie sind Zeichen von Überforderung. Besonders bei neurodivergenten Menschen fehlen oft die Worte für das innere Chaos. Daher ist es wichtig, Sprachfähigkeit aufzubauen: Emotionen benennen, Reaktionen einordnen und Grenzen klar kommunizieren. Metagespräche – Gespräche über Kommunikation und Zusammenarbeit – helfen dabei, gemeinsame Bedeutungen zu schaffen und Spannungen abzubauen, bevor sie eskalieren.
3. Verbindung reguliert – indem wir Menschen wirklich sehen
Ob im Team, im Coaching oder in der Familie: Nichts wirkt stärker gegen Stress als das Gefühl, gesehen, verstanden und nicht bewertet zu werden. Es geht nicht darum, immer alles zu lösen. Es geht darum, da zu sein. Wahrzunehmen. Zu hören. Das Nervensystem reagiert auf echte Resonanz. Verbindung entsteht durch Präsenz, aktives Zuhören und ein ehrliches: „Ich sehe dich.“

Meine Arbeit mit Octopus Connection
Mit Octopus Connection begleite ich Menschen und Organisationen, die sich verändern möchten. Mein Ziel ist es, weg vom ständigen Reagieren hin zu bewusstem Gestalten. Ich arbeite nicht nur mit neurodivergenten Menschen, sondern unterstütze alle, die spüren: So geht es nicht weiter.
Ich helfe:
Unternehmen und KMUs, Strukturen zu schaffen und echte Zusammenarbeit zu ermöglichen
Teams, die verstehen möchten, wie sie miteinander denken, fühlen und arbeiten; und wie Verbindung entsteht
Menschen im Wandel, die sich überfordert fühlen oder ihre innere Stimme wiederfinden möchten
Köpfe voller Gedanken, die Klarheit und Mut brauchen, um neue Wege zu gehen
Ich arbeite mit dem Nervensystem, nicht gegen es. Ich helfe Menschen, Gedanken, Muster und Abläufe zu sortieren – bis aus Druck wieder Handlung wird. Mein Ziel ist es, Brücken zwischen Innen- und Außenwelt zu bauen. Ich unterstütze dabei, wieder wahrzunehmen, wohin wir wirklich gehören – und was in uns möglich ist.
Zum Innehalten – und zum Weitergehen
➡️ Welche Strukturen in deinem Alltag geben dir Halt – und welche engen dich eher ein?
➡️ Wann hast du das letzte Mal gespürt, dass etwas nicht mehr zu dir passt – beruflich oder privat?
➡️ Wer in deinem Umfeld braucht vielleicht gerade mehr Verständnis als Bewertung?
➡️ Was wäre möglich, wenn du dich nicht anpassen müsstest – sondern dich ausrichten dürftest?
Wenn dich diese Fragen begleiten – leise oder laut – lass uns ins Gespräch kommen. Ich unterstütze Menschen und Systeme dabei, wieder Ordnung in Gedanken zu bringen, Klarheit ins Handeln und Mut in die Veränderung zu finden. Echte Veränderung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt in dem Moment, in dem wir uns selbst wieder zuhören.




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