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Mein Gehirn malt, was meine Ohren sehen.

Wie Musik Farben bekommt – und mein Logo eine Playlist


Es war mir lange nicht bewusst, dass ich Farben wahrnehme, wenn ich Musik höre.

Ich saß in einem Vortrag über Wahrnehmungsvielfalt, als mir plötzlich klar wurde: Was ich für ganz normal gehalten hatte, ist gar nicht so selbstverständlich. Ich höre Musik – und sehe Farben. Nicht in Gedanken oder als Stimmung, sondern als konkrete, farbliche Räume, Lichtstimmungen, Texturen.

Bis dahin hatte ich nie darüber gesprochen. Wann tut man das auch? Man geht ja davon aus, dass andere Menschen die Welt ähnlich erleben. Dass Musik für alle leuchtet, fließt, glänzt. Dass ein Cello in Sherry-Tönen klingt. Dass eine Stimme kupferfarben sein kann. Aber in diesem Moment begann ich, gezielt hinzuhören. Und je bewusster ich es tat, desto deutlicher wurden die Farben.

Heute weiß ich: Das, was ich erlebe, ist eine Form von Synästhesie.



Was ist Synästhesie eigentlich?

Synästhesie ist eine neurologisch bedingte Wahrnehmungsform, bei der ein Sinnesreiz automatisch eine weitere Wahrnehmung in einem anderen Sinn auslöst. Dabei gibt es zahlreiche Varianten:

  • Graphem-Farb-Synästhesie: Buchstaben oder Zahlen werden farbig erlebt.

  • Lexikalisch-gustatorische Synästhesie: Worte lösen Geschmacksempfindungen aus.

  • Auditive-taktile Synästhesie: Geräusche fühlen sich auf der Haut spürbar an.

  • Raumzeit-Synästhesie: Zeit wird räumlich angeordnet (z. B. Monate in Kreisen).

  • Klang-Farb-Synästhesie (Chromästhesie): Gehörtes oder Musik führen zu visuellen Farbeindrücken.


Gerade bei der sogenannten Chromästhesie sind diese Farbwahrnehmungen nicht willentlich erzeugt oder Fantasieprodukte. Sie entstehen automatisch. Das bedeutet nicht, dass man Halluzinationen hat, sondern dass im Gehirn sensorische Bereiche intensiver miteinander verschaltet sind. Die Farben sind konsistent, wiederholbar, oft so subtil und zugleich selbstverständlich, dass Betroffene lange nicht merken, dass ihre Wahrnehmung besonders ist.

Viele Menschen mit Hochsensibilität, Hochreaktivität oder neurodivergenten Profilen berichten von ähnlichen Erlebnissen. Für mich wurde diese Erkenntnis zu einem Missing Link in meiner Selbstwahrnehmung – und letztlich auch zu einer Brücke in meiner Arbeit als Coachin.


Es fällt mir schwer, das, was ich in meinem Kopf sehe, für andere sichtbar zu machen.

Ich sehe Farben, wenn ich Musik höre. Nicht metaphorisch, sondern konkret. Diese Bilder existieren nicht vor meinem inneren Auge, sondern sie entstehen in meinem ganzen Wahrnehmungssystem. Sie sind da, bevor ich sie beschreiben kann. Deshalb versuche ich es mit Bildern. Die drei Tanzaufnahmen in diesem Beitrag sind keine exakten Abbilder meiner Wahrnehmung, sondern eine Annäherung.

Anfang des Jahres wurde mir bewusst, dass ich Synästhesie erlebe. Genauer: Klang-Farb-Synästhesie. Was ich über Jahre für intuitives Farbgefühl hielt, ist in Wahrheit ein fest verankertes Zusammenspiel meiner Sinne. Es erklärt, warum mein Logo in Kupfer, Petrol und Violett getaucht ist. Ich habe es nicht mit Markenpsychologie entworfen, sondern in Resonanz mit meiner Spotify-Playlist.



Tänzerin in gebückter Pose, umgeben von orange-violetten Formen – inspiriert von „Rolling in the Deep“ in synästhetischer Wahrnehmung.
Wenn Musik nach Kupfer klingt – meine Wahrnehmung von „Rolling in the Deep“ als Farbenraum.


Klangfarben meiner Playlist

Rolling in the Deep (The Piano Guys Version)

Dieses Stück trägt für mich vor allem tiefe Orangetöne – wie Sherry. Dunkel, warm, schwer. Das Cello spielt in einem tiefen Kupfer. Die Lichtstimmung ist dramatisch, fast theatralisch. Die Klavieranschläge bringen violette Nuancen hinein, als zarte Kontraste. Die Drums sind weiße, helle Impulse – wie Lichtblitze, die das warme Dunkel kurz durchreißen.

Für mich ist das keine musikalische Metapher, sondern ein Raum. Ich sehe ihn. Und ich sehe, wie genau diese Farben ihren Weg in mein Logo gefunden haben.



Don’t Forget Your Roots (Six60)

Die Bassline in diesem Song umfließt mich in einem dunklen Orange. Sie ist wie ein Strom, der mich hält. Vibrationsartig, warm, fast organisch. Dieser Ton hat Tiefe und Erdung, ist aber alles andere als schwer.



Und dann ist da die Stimme von Pa Sheehy in "Roisin" von Walking on Cars. Sie ist für mich reines, intensives Orange – nicht grell, sondern satt, stark und durchdringend. Ihre Wärme ist fast physisch spürbar. Sie umhüllt mich nicht nur, sie trifft mich. Wie eine plötzliche Böe, kraftvoll und direkt, aber nicht hart. Sie hat ein leichtes Vibrato, das nicht beruhigt, sondern belebt. Ihre Energie ist fühlbar, nicht nur hörbar. Diese Stimme spricht nicht nur mein Ohr an, sondern meinen ganzen Körper. Sie fährt mir in den Magen, sie bleibt. Und sie schafft etwas, das ich selten erlebe: ein Gefühl von Geborgenheit mitten in der Bewegung.



Orange sind Stimmen und Klänge, die nicht schreien – sondern durchdringen. Sie fühlen sich weich an, aber intensiv.


Tanzendes Paar mit fließenden Farbformen in Violett, Blau und Orange – Visualisierung der emotionalen Tiefe von „Happy Ending“.
Klang trifft Kontrast – die fröhlich-melancholische Farbenwelt von „Happy Ending“.

Happy Ending (Mika)

Der Song beginnt sanft, der Chor setzt zuerst ein. Ich sehe ein leichtes Violett, das sich mit den blauen Klaviertönen verbindet. Dann beginnt Mika zu singen. Seine Stimme ist hoch, fast schwebend, färbt sich für mich violett, die Streicher kommen hinzu und bringen ein sehr helles, fast leuchtendes Orange in das Bild.

Die Drums bleiben dezent im Hintergrund, setzen aber weiße Akzente, klar und punktuell. Dann kehrt der Chor zurück, intensiver, und mit ihm vermischen sich Aubergine- und Rottöne. Der Song wächst. Die Dynamik nimmt zu, es wird komplexer, dichter. Alles überlagert sich: Stimmen, Instrumente, Emotionen.

In meinem inneren Bild laufen die Farben wild zusammen, verwirbeln sich, verlieren ihre klaren Konturen. Es wird schwer, sie voneinander zu trennen. Die Grenzen verschwimmen. Die Farben verlaufen wie Wellen.

Und auch inhaltlich ist der Song ein Kontrast: Der Klang ist fröhlich, fast verspielt, aber die Botschaft ist melancholisch, sogar verzweifelt. Es passt scheinbar nicht zusammen – und genau das macht es für mich so stark. Wie die Farben, die sich nicht ordnen lassen, stehen auch Klang und Inhalt nebeneinander. Gegensätze, die sich nicht auflösen, sondern nebeneinander bestehen.




Tänzerin in Bewegung mit blau-gelben grafischen Elementen – Darstellung von Musik als sich aufbauendes Gewitter in Farben.
Von dunklem Blau zu hellem Gelb – wie „Not Alone“ sich in ein Gewitter aus Licht verwandelt.



Not Alone von Aram

Dieser Song beginnt für mich im Dunkel. Einzelne Tropfen tauchen auf, in einem klaren, tiefen Blau und Petrol. Leise, fast tastend. Das Klavier löst diese Tropfen aus, sie dehnen sich aus wie feine Kreise auf Wasser. Dann kommt Arams Stimme. Sie legt sich über das Blau, wie eine Schicht aus warmem Licht, ein sanftes Orange. Der Song ist in dieser Phase minimalistisch, aber voller Spannung. Dann beginnen sich Bläser zu entfalten – und mit ihnen fließt ein goldenes Gelb ins Bild, wie Sonnenlicht, das durch Wasser bricht.

Ein Farbverlauf entsteht, der sich stetig wandelt. Die Stimmung kippt: Der Song baut sich auf, das Tempo steigt. Elektronische Elemente dringen ein, der Sound wird dichter, strukturierter. Dann der Bruch – ein Dubstep-Teil, der sich wie eine Wetterfront aufbaut. Klanglich wie aufziehende Gewitterwolken: brodelnd, drängend, kraftvoll. Ich sehe weiße Blitze, Helligkeit, die zuckt und alles durchzieht.

Es ist laut, energetisch, geladen – aber nicht chaotisch. Alles hat eine Ordnung, eine Richtung. Diese Struktur inmitten der Intensität macht den Song für mich zu einem Bild von Bewegung, Wandel, Klarheit. Von Emotion als Form.


Vielleicht hat der Song deshalb eine so besondere Bedeutung für mich: Ich habe ihn während meiner Schwangerschaft sehr oft und sehr laut gehört. Die Bässe ließen meine Tochter im Bauch tanzen. Ich habe gespürt, wie Musik in Bewegung übergeht, nicht nur in mir, sondern in ihr. Dieser Moment hat sich eingebrannt: Klang als Verbindung.



Logo von Octopus Connection mit Oktopus, petrolfarbenem „O“ und kupferfarbenem „C“ – inspiriert durch synästhetisch empfundene Musikfarben.
Mein Logo ist kein Design-Trend. Es ist gelebte Wahrnehmung – in Kupfer, Petrol und Violett.

Mein Logo: Eine bewusste Entscheidung

Als mir bewusst wurde, dass Musik in meinem Kopf Farben erzeugt, begann ich, meine Spotify-Playlist mit anderen Augen zu sehen. Ich bemerkte, dass viele meiner Lieblingssongs in einem Spektrum aus Orange, Kupfer, Violett und warmem Blau schwingen. Diese Erkenntnis war keine Spielerei. Sie wurde zur Basis für mein Logo.

Die Farben meines Logos sind nicht zufällig gewählt. Sie sind Ausdruck meiner Wahrnehmung, meiner inneren Welt. Sie spiegeln mein Denken, mein Fühlen und meine Art, Menschen und Themen wahrzunehmen. Es war eine bewusste Entscheidung, nicht nach werbepsychologischen Aspekten zu gehen, sondern nach Wahrhaftigkeit. Mein Logo ist gelebte Synästhesie.


Was bedeutet das für meine Arbeit?

Ich begleite Menschen, die intensiv wahrnehmen. Hochsensible Führungskräfte, neurodivergente Persönlichkeiten, Teams im Wandel. Viele von ihnen denken komplex, fühlen tief und nehmen feine Nuancen wahr. Für sie ist „einfach“ selten einfach. Und oft fehlen die Worte für das, was innerlich geschieht.

Ich sehe meine Synästhesie nicht als Werkzeug – sie ist einfach Teil von mir. Sie war immer da, ich hatte nur keinen Namen dafür. Jetzt, wo ich um sie weiß, verstehe ich mich besser. Ich sehe, warum mir manche Dinge leichtfallen – andere nicht.

In meiner Arbeit hilft mir dieses Verständnis nicht, weil ich es gezielt einsetze, sondern weil es mich mit anderen verbindet. Es erinnert mich daran, wie unterschiedlich Wirklichkeit erlebt werden kann. Dass es nicht die eine Wahrheit gibt – sondern viele. Und dass jede Wahrnehmung ihre Berechtigung hat.


Ich weiß: Nicht alle sehen beim Hören Farben.
Das ist okay.
Aber wir alle erleben die Welt auf unsere ganz eigene Weise.
Und genau darum geht es: Nicht die eine Wahrheit zu finden – sondern Platz für viele Perspektiven zu schaffen. Denn Menschen ticken unterschiedlich – das ist kein Problem, sondern die Realität. Manchmal hilft es, wenn wir nicht alles sofort einordnen wollen. Sondern erst mal fragen: Wie sieht das für dich aus? Oder klingt es vielleicht sogar orange?

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